Transzendenz? Das sollte die beste Idee sein, die sich die Welt je hat einfallen lassen? Wir dachten, das Rad sei die beste Erfindung aller Zeiten.
Das Rad ist gewiss eine geniale Idee, aber nur von sekundärer Bedeutung. Viel spannender ist die Frage, wer die Macht hat zu bestimmen, ob du über ein Rad verfügen darfst oder nicht.

Das verstehe ich nicht. Kann denn nicht eigentlich jeder über ein Rad verfügen, nachdem es einmal erfunden worden ist?
Theoretisch ist das richtig, aber praktisch könnte es doch jemanden geben, der dir das Recht streitig macht, wirklich ein Rad zu nutzen.

Ich sehe nicht, wo das eventuell der Fall sein könnte – außer in Nordkorea natürlich.
Womit wir aber genau bei der Idee der Transzendenz wären, denn Nordkorea ist definitiv ein Land, in dem es jemanden gibt, der über die totale und vollkommen unbeschränkte Macht verfügt. Der kann dir alles erlauben und auch alles verbieten. Und so sieht es aus in einer Welt, in der es die Idee der Transzendenz nicht gibt.

Meinst du damit, dass es gut ist, wenn es neben der weltlichen Macht noch die Idee einer überweltlichen Macht gibt, damit der Herrscher nicht so uneingeschränkt herrschen kann? Aber kann es denn nicht auch einen guten Herrscher geben, der über die totale Macht verfügt?
Einen guten Herrscher kann es geben und hat es auch schon gegeben. Aber das Problem mit der totalen Macht ist, dass man diesen Herrscher und seine Nachfahren nie mehr los wird, dass sie nur noch durch eigene Schwäche von der Macht verdrängt werden können und dass danach immer das Chaos herrscht. Und selbst der beste totale Herrscher wird nie für alle ein guter Herrscher sein können. Deswegen ist ein Wechsel unbedingt wünschenswert und dieser Wechsel sollte möglichst friedlich vonstatten gehen können.

Das verstehe ich, aber ich sehe immer noch nicht, wie die Idee der Transzendenz dabei helfen kann. Kannst du uns das mal erklären?
Ihr kennt doch sicher Jesaja, den ersten der großen Schriftpropheten der Juden – und Zarathustra aus dem alten Persien – und natürlich Buddha und Konfuzius.

Ja sicher, haben die nicht alle in der Zeit von 700 – 500 v. Chr. gelebt und waren die nicht alle so etwas wie Religionsbegründer? Sollte das etwa bedeuten, dass damals der Welt die Transzendenz eingefallen ist?
Ganz genau. Ob die betreffenden Herren den Einfall unabhängig voneinander hatten oder ob die Idee von einem Ort zum anderen gereist ist, wissen wir nicht. Aber in die Welt gekommen ist sie in dieser Zeit. Und möglicherweise war Jesaja der erste, der seinen Herrscher zur sittlichen Zucht angehalten und die Idee einer einzigen geistigen überweltlichen Kraft gepredigt hat.

Und dem Herrscher hat so etwas gefallen? Wenn er doch vorher allmächtig war und selbst wie ein Gott verherrlicht wurde? Da müsste der Allesbeherrscher doch freiwillig von seiner Macht abgeben. Warum sollte er das getan haben?
Das könnte aus Schwäche passiert sein. Ganz sicher hat den Predigern aber geholfen, wenn das Volk diese Idee einer überweltlichen Macht goutiert. Und das Volk, wenn es sich traut kritisch zu denken, muss die Idee ja lieben, denn dann kann es ein Gegengewicht zur Allmacht des Herrschers entwickeln.

Ah, das ist ja sehr raffiniert, da hätten diese Intellektuellen, die sich Prediger nennen, doch einen ausgezeichneten Weg gefunden, mit dem Herrscher fast auf du und du zu verkehren und nicht immer nur seinen Speichel lecken zu müssen. Aber welche Bedeutung hat das denn jetzt für unser heutiges Leben? Wo wir doch bei uns so eine gut funktionierende Demokratie haben, bei der sich die Regierungen friedlich ablösen können.
Die Bedeutung für uns und hier und jetzt liegt gerade in dieser Idee der Transzendenz, denn ohne sie würden wir doch von Lenin, Stalin, Hitler, Mao oder Pol Pot regiert – bzw. einem totalitären Nachfolger. Wir haben gerade im 20. Jahrhundert erlebt, wohin sich die Welt entwickelt, wenn es einem Herrscher gelingt, die totale Macht an sich zu reißen und die Idee der Transzendenz zu zertreten. In Nordkorea stecken jetzt noch 70.000 Christen im Gefängnis, die dem totalen Herrscher gefährlich werden könnten.

Wie könnten sie ihm denn gefährlich werden? Genau wie vor 2.600 Jahren? Indem sie über das Geistliche eine Gegenmacht etablieren und damit sogar eine Gewaltenteilung möglich machen?
Ganz genau. Der Einfall der Transzendenz ist die Geburtsstunde der Gewaltenteilung. Eine modernere Idee hat die Welt nie kennengelernt. Und nach dem totalitären 20. Jahrhundert ist diese Idee sogar moderner denn je. Wer will denn schon zurück zum Pyramidenbau der altägyptischen Gottkönige?

Willst du damit etwa andeuten, dass Präsident Obama sich heute eine 10 km hohe Pyramide bauen ließe, wenn seine Macht so ungeteilt und ungebremst wäre wie die der altägyptischen Gottkönige?
Na ja, warum wirkt dieser Gedanke auf dich so absurd?

Weil sich in den USA die Gewaltenteilung so fest etabliert hat, dass nicht mehr mit einem derartigen Rückfall gerechnet werden muss? Ja, aber warum brauchen wir für die Gewaltenteilung denn unbedingt diese überweltliche Macht? Können wir die Macht nicht einfach in verschiedene weltliche Gewalten aufteilen?
Du meinst, wie in der Weimarer Republik?

Nein, das ist natürlich eher ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen darf. Die Weimarer Republik hat sich ja geradezu von innen selbst aufgefressen. Wenn ich nur an die Texte von Kurt Tucholsky denke. Dem war ja wirklich gar nichts heilig. Also verstehe ich dich richtig, dass die rein weltliche Gewaltenteilung immer gefährdet ist, vom nächstbesten dahergelaufenen Diktator einkassiert zu werden? Aber warum soll denn die Idee einer überweltlichen Macht diesen Rückfall in die Diktatur verhindern können?
Das erkärt sich einfach dadurch, dass wir kleinen Menschlinge immer alle klüger sein wollen als die anderen kleinen Menschlinge und dass wir uns deswegen nie auf die moralischen Werte eines anderen Menschen einigen würden.

Ah, ich verstehe, zu solch einer Einigung sind wir Menschen nur bereit, wenn es sich um etwas handelt, das größer ist als wir. Wenn es das ist, was du meinst, dann bliebe ja nur noch die Frage, wie wir diese große Idee denn als solche erkennen. Darüber könnte es doch wieder Streit geben, oder nicht?
Darüber gibt es auch Streit. Das ist der natürliche Wettbewerb der Ideen. Aber die bessere Idee kann immer daran erkannt werden, dass sie erkannt wird. Dabei wird sich nicht der eifrigere Intellektuelle durchsetzen, sondern wirklich die bessere Idee.

Ah ja, das leuchtet uns ein, denn dass wir Menschen nach dem Besseren streben, das ist ja doch wohl ganz sicher. Dafür ist ja schon die Erfindung des Rades ein gutes Beispiel. Aber wenn wir dich richtig vertstehen, dann werden wir das wirklich Gute nie erreichen?
Die Idee von Gott oder von einer transzendentalen, überweltlichen Macht ist ja für uns nur eine Idee. Was es jenseits unseres Vorstellungsvermögens wirklich gibt, können wir nicht wissen. Wir können an etwas glauben, aber glauben ist nicht wissen. Und dennoch würde ich festhalten wollen, dass es hinter unseren kleinen Versuchen, uns zu verbessern, diese große Idee des Guten gibt, aus der sich unser ständiges Bemühen letztendlich speist .

Und deswegen nennst du die Idee dieser transzendentalen Kraft ganz einfach die Idee des Guten?
Genau.