Afghanistan? Was machen wir da eigentlich? Was geht uns dieses fremde Land schon an? Haben die Linken nicht recht, wenn sie sagen, die Afghanen stecken noch im 14. Jahrhundert?
Ja, die Einordnung ins 14. Jahrhundert ist sicher nicht so ganz verkehrt, aber es gibt in Afghanistan auch sehr viele Menschen, die lieber in unserem Jahrhundert leben möchten. Wenn sie dürften. Das wird vermutlich sogar die große Mehrheit der Bevölkerung sein.

Okay, ich verstehe. Wir sollten nicht einfach so allgemein von den Afghanen sprechen. Zumal es die strenggenommen auch gar nicht gibt. Denn die Paschtunen nennen sich selbst ja Paschtunen und werden nur von den anderen im Lande, die überwiegend persischsprachig sind, Afghanen genannt. Wäre es denn richtig, wenn wir sagen, das Land hat ein Paschtunen-Problem?
Manches deutet tatsächlich darauf hin. Wenn du nur bedenkst, dass die Sicherheitskräfte in Kabul alle Tadschiken sind – das ist die zweitgrößte Ethnie in Afghanistan – und die Taliban fast alle Paschtunen. Aber auch die Paschtunen lassen sich nicht so leicht über einen Kamm scheren.

Na ja, manche von den Paschtunen, um mal im Bilde zu bleiben, lassen sich ihren Bart wohl gar nicht scheren. Kann man denn annehmen, dass die Paschtunen, die ja auch maßgeblich an der kommunistischen Machtübernahme 1978 beteiligt waren, irgendwie stärker zur Radikalität neigen? Erst kommunistisch, dann islamistisch?
Nun, die Paschtunen haben eine uralte oligarchische Stammesstruktur, in die sich Ideen gut hineintragen lassen, wenn man es geschickt anstellt und den Rechts- und Ehrenkodex, das ungeschriebene Gesetz der Paschtunen achtet.

Demnach wären die Paschtunen im Kern ja immer in erster Linie Paschtunen und wir machen etwas verkehrt, wenn wir sie hauptsächlich als religiöse Fanatiker sehen. Aber den Islam gibt es bei ihnen doch schon seit über 1.000 Jahren, oder nicht?
Ja, das stimmt, aber der Islam ist eigentlich eine städtische Religion. Und die Paschtunen haben das alles nur sehr am Rande mitbekommen, da sie bis vor ganz kurzer Zeit überhaupt nicht in Städten gelebt haben – und heute mehrheitlich auch noch nicht. Sie leben überwiegend in der gebirgigen Grenzregion mit Pakistan, zu zwei Dritteln sogar auf der anderen Seite der Grenze.

Okay, aber jetzt weiß ich immer noch nicht, wie ich mich zu dem Ganzen verhalten soll. Mal angenommen, ich heiße Käßmann und sehe mir Schillers Räuber gern im Theater an, aber nicht so gern, wenn es von Taliban am Rande illegaler Mohnfelder in Afghanistan gespielt wird und meine eigenen Schäfchen von den Taliban getötet werden. Muss ich da nicht – mit den Linken – sagen: Nichts wir raus aus Afghanistan?
Das kommt darauf an. Wenn ich an die umherziehenden Banden junger Männer denke, die Schutzgeld von den Bauern kassieren, Bomben am Straßenrand legen und sich zur Not sogar selbst in die Luft jagen, dann muss ich mit Ja antworten. Aber mit Nein werde ich antworten, wenn ich an die meisten anderen Menschen im Lande denke, die gern mit Strom und fließendem Wasser versorgt sein möchten, die ihre Kinder in die Schule schicken möchten und die sich nach einem friedlichen Leben im 21. Jahrhundert sehnen – statt vom 14. zurück ins 7. Jahrhundert gebombt zu werden.

Gut, einverstanden. Das entspricht natürlich unserem Verständnis von Nächstenliebe, wenn wir diesen Menschen helfen möchten. Aber haben nicht die Kritiker recht, die den militärischen Einsatz des Westens, auch wenn er von der UNO initiiert worden ist, für falsch halten, weil die Taliban immer alles tun werden, um diese Soldaten zu vertreiben?
Zweifellos werden die Taliban alles tun, um den Westen aus Afghanistan zu vertreiben. Einschließlich aller zivilen Aufbauhelfer. Aber die entscheidende Frage bleibt doch, ob wir das zulassen wollen. Eine Schreckensherrschaft wie in den 90er Jahren können wir doch unmöglich noch einmal riskieren. Von dem Freiraum, den die Taliban damals den internationalen al-Qaida-Terroristen gewährt haben, ganz zu schweigen.

Aber woher wissen wir, dass es in der Zukunft wieder genauso schrecklich aussehen würde? Claudia Roth denkt darüber ganz anders.
Ja klar, wenn es nach Claudia Roth ginge, sähe es auch in unserem eigenen Lande ganz anders aus. Aber ich fürchte, die Taliban werden sich da noch weniger nach Claudia Roths Wünschen richten als die Mehrheit hier bei uns.

Na okay, lassen wir die Ton-Steine-Scherben-Fantasien mal lieber in Frieden ruhen. Aber was ich mir überhaupt noch nicht vorstellen kann, ist ein positives Zukunftsbild für Afghanistan. Bei dem auch die Paschtunen mitzuspielen bereit sind.
Hm, da müssen wir natürlich einige Abstriche machen von unseren üblichen Forderungen an einen demokratischen Rechtsstaat. Nehmen wir nur die Korruption. Zuerst haben wir den Präsidenten Karzai kritisiert, weil seine Autorität nicht über die Grenzen der Hauptstadt hinaus reichte. Und als er dann – mit durchaus landesüblichen Mitteln – seine Macht ausgeweitet hat, mussten wir ihn dafür auch wieder kritisieren. So untergraben wir ausgesprochen die Autorität des Mannes, der von den Stammesältesten für das Amt des Präsidenten vorgeschlagen worden ist. Das ist wenig sensibel.

Wir sollten also, wenn wir dich richtig verstehen, bescheidener sein. Und vielleicht nur so viel Demokratie und Rechtsstaat verlangen wie beispielsweise in Sri Lanka, wo man ja gerade einen sehr langen blutigen Bürgerkrieg hinter sich gebracht und einigermaßen friedliche Wahlen abgehalten hat? Aber was können wir tun und was müssen wir tun, um in Afghanistan wenigstens halbwegs vergleichbare Verhältnisse zu schaffen?
Leichter gesagt als getan, aber wir müssen vieles gleichzeitig tun: die Autorität des einheimischen Präsidenten stärken, mehr einheimische Polizisten und Soldaten ausbilden – da gibt es noch sehr viel zu tun – und die Infrastruktur fleißig weiter ausbauen, vor allem Strom, Wasser und Schulen.

Aber ist es nicht auch wichtig, dass wir bei all dem mit den Paschtunen zusammen gehen und nicht gegen sie?
Ja unbedingt, und ich vermute, dass wir das am ehesten erreichen, wenn wir ihre Stammesältesten einbeziehen und sie von einem Islam überzeugen, der sich auf die Kernbotschaft der Barmherzigkeit konzentriert und zur Abwechslung mal auf das Bombenlegen verzichtet.

Aha, du möchtest demnach auch mit dem Islam argumentieren und nicht gegen ihn?
Ja, mit einem alternativen, friedlichen Islam, das wäre einen Versuch wert. Die Russen haben in den 1850er Jahren in Tschetschenien einmal einen eklatanten Erfolg mit dieser Methode gehabt. Als die Stammesältesten sich dabei für einen Frieden mit den Russen aussprachen, brach der jahrelange Aufstandsterror unter den Tschetschenen ganz plötzlich ab.

Interessant. Ausgerechnet aus der russischen Geschichte lernen. Na ja, dann bliebe nur noch die vielleicht schwierigste Frage: Wie halten wir es mit dem Klatschmohnanbau, bei dem der Bauer ja wesentlich mehr verdienen kann als mit normalen landwirtschaftlichen Produkten – und von dem die Taliban auch direkt oder indirekt profitieren?
Vielleicht wirklich die schwierigste Frage. Und vielleicht müssten wir das deswegen auch aufschieben, bis das Land einigermaßen befriedet ist. Dann wäre sicher ein großes – international gefördertes – Landwirtschaftsprogramm vonnöten, um auch die Selbstversorgung Afghanistans zu verbessern.

Und dieses ganze engagierte Afghanistan-Programm, über das wir hier sprechen, wäre ohne militärische Unterstützung nicht zu verwirklichen? Da bist du ganz sicher? Wie soll ich das denn nur meinen wunderbar sympathischen Freunden von der pazifistischen Front erklären?
Gut, wer natürlich an Wunder glaubt … Ein Wunder hätte theoretisch auch 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg passieren können, wenn die Alliierten gesagt hätten, wir gehen jetzt wieder friedlich nach Hause und lassen Hitler das große Wunder vollbringen. Wer ernsthaft glaubt, Hitler hätte sich dann aus den fremden Ländern wieder zurückgezogen und die 6.000.000 Juden nicht umgebracht, der bitte schön werfe den ersten Stein auf Obama, Merkel oder zu Guttenberg.

Gut. Aber Krieg zu führen in diesem fremden Land? Wollen wir das wirklich?
Nein. Und darum hat man uns auch nicht gebeten. Wir sollen vielmehr helfen sicherzustellen, dass die Taliban keinen Krieg mehr gegen die eigene Bevölkerung führen. Unsere Aufgabe ist es, einen kleinen Teil zur Friedenssicherung in Afghanistan beizutragen.