Ja klar, die Ganztagsschule ist natürlich eine conditio sine qua non. Ohne die Ganztagsschule bräuchten wir gar nicht erst mit unseren Überlegungen anzufangen. Die Lehrer können dann ihre gesamte Arbeit in der Schule erledigen, das fördert den Zusammenhalt im Kollegium. Auch die Schüler haben nach der Schule Feierabend und müssen nicht täglich ihre schweren Bücher hin- und hertragen. Alle Schüler haben die gleichen Lernbedingungen, was zuhause ja ganz anders wäre.
Aber es ist auch sehr wichtig, dass der Nachmittagsunterricht freier und individueller gestaltet wird – mit vielen verschiedenen Arbeitsgruppen, viel Sport und Kultur.

Vor allen Dingen Musik.
Ganz genau: vor allen Dingen Musik. Und begabtere Kinder sollten andere Interessierte coachen und ihnen hilfreich zur Seite stehen. Von niemandem lernt ein Kind so gern wie von einem anderen Kind. Und das andere Kind baut dabei auch noch seine sozialen Fähigkeiten aus.

Und wie steht es mit dem gemeinsamen Mittagessen in der Schule? Das ist dann wohl eine Selbstverständlichkeit, denke ich. Aber immerhin eine gute Möglichkeit, auch mehr über gesundes Essen zu erfahren. Da müssen den Schulen jedoch unbedingt manche bürokratischen Fesseln abgenommen werden. Dass kleine Schulen zum Beispiel keine eigene Mensa haben dürfen. Das ist doch Absurdistan.
Richtig. Die autonome Schule ist ungemein wichtig. Geld sollte sie immer nach der Zahl der Schüler bekommen. Und die Eltern müssen freie Schulwahl für ihre Kinder haben.

Dann wäre es sicher sinnvoll, bei der Gelegenheit mit der Verbeamtung von Lehrern Schluss zu machen. Wer braucht schon Lehrer, die erst auf die Gesetze des Landes schwören und dann im Unterricht Ideen propagieren, die mit den Gesetzen des Landes gar nicht im Einklang stehen?
So was soll tatsächlich vorkommen, da hast du schon recht. Und wenn sich die Schule ihre eigenen Lehrer suchen darf, was bis jetzt ja nur an Privatschulen möglich ist, dann sollte es auch leichter gemacht werden, Quereinsteiger ins Kollegium zu integrieren. Vielleicht mal einen Naturwissenschaftler, der wohl eine Ausbildung hat, aber keinen pädagogischen Abschluss.

Ah ja, Naturwissenschaftler würden ja schon gebraucht. Und wer übrigens auch stärker in die Schule einbezogen werden sollte, das sind meines Erachtens die Eltern und Großeltern. Gerade am Nachmittag. Die könnten Nachhilfeunterricht in kleinen Gruppen geben. Oder was sie sonst gern tun möchten. Auf freiwilliger Basis natürlich.
Sehr gut. Aber zu einem würde ich die Eltern sogar verpflichten wollen: zum Abholen der Zeugnisse – mit einem erklärenden Gespräch. Dann haben wir wenigstens zweimal im Jahr auch Kontakt mit den Eltern, die sich sonst gar nicht sehen lassen würden. Die Kinder profitieren davon, wenn Eltern und Lehrer pädagogisch an einem Strang ziehen.

Aber was machen wir mit den Schülern, die sich trotz allem nicht in den Unterricht einfügen können. Ich meine nicht die körperlich Benachteiligten, die ja oft gerade besonders lernbegierig sind und sich deswegen auch immer gut integrieren lassen. Sondern die Auffälligen und Lernunwilligen. Was machen wir mit denen? Ein Einziger kann den gesamten Unterricht schmeißen, nur weil er in der Schule die Traumata auslebt, die er sich durch Gewalt- und Horrorfilme am Vorabend selbst aufgeladen hat.
Auffällig an diesen auffälligen Schülern ist ja, dass es fast immer Jungen sind. Denen wäre schon geholfen, wenn sie in der Schule mehr Männern begegnen könnten. Männern, die einfach Männer sind, ohne mit Gangster-Attitüden protzen zu müssen. Und die Schüler, die dann immer noch allzu unangenehm aus der Schüler-Rolle fallen, sollten – so machen es die Finnen – für ein halbes Jahr in eine psychosoziale Sonderbehandlung gegeben werden, in der sie lernen, mit ihren Agressionen besser umzugehen. Mancher Junge braucht einfach nur einen Punchingball und viel Zeit, um den zu bearbeiten.

Ah toll, es gibt ja inzwischen einen Punchingball, der sieht aus wie der Kopf von Claudia Roth. Täuschend ähnlich. Aber wäre es vielleicht nicht auch eine gute Idee, generell in der Schule eine Art Anstandsunterricht einzuführen? Nach dem Motto: Jeder kann was Besseres sein. Wenn er sich nur besser benimmt. Das hilft doch bei der Jobsuche auch ganz enorm.
Ja, da hast du recht: Jeder kann was Besseres sein. Einige Ideologen haben uns jahrzehntelang eingeredet, dass gutes Benehmen das Privileg der besseren Schichten wäre und dass diese Privilegien abgeschafft gehörten. Nichts könnte falscher sein. Mit einem guten Benehmen fängt der soziale Aufstieg nämlich schon an. Und eine anständige Schulkleidung ist in dem Zusammenhang auch unbedingt zu befürworten.

Da gibt es seit einigen Jahren in der Tat einen kleinen Trend an deutschen Schulen: weg vom neurotischen Zwang, durch teure – und dennoch oft hässliche – Markenklamotten Punkte zu sammeln, und hin zur gemeinsamen Schulkleidung. Sogar an einzelnen Staatsschulen. Aber Schulkleidung galt in Deutschland ja immer als Ausweis von Elite. Da würden wir gern noch von dir hören, wie wir mit diesem vermeintlichen Problem umgehen können.
Nehmen wir mal das Showgeschäft – oder den Sport: Champions League, Olympische Spiele usw. Ohne eine Leistungselite müssten wir da doch auf sehr viel verzichten. Einschließlich der Vorbildfunktion. Und warum eigentlich soll das in Sachen Bildung ganz anders sein? Die Kinder kommen mit einem geradezu unbändigen Leistungswillen auf die Welt. Wollen ständig was Neues lernen. Fragen immer und immer wieder: Warum? Erst mit sieben Jahren gewöhnen sie sich das Warum-Fragen plötzlich ab. Da macht die Schule ganz offensichtlich etwas verkehrt. Geht nicht vom Interesse des Kindes aus, sondern vom Lehrplan: streng bürokratisch deutsch.

Verstehen wir das richtig, dass im Grunde jeder Elite sein möchte und auch Elite werden könnte, auf dem einen oder anderen Feld? Jedenfalls, wenn er in seinem Leistungswillen nicht gebremst wird?
Genau. Kinder brauchen positive Bestärkung. Jeder kann was Besseres sein. Jeder kann Elite sein. Jeder kann durch Bildung einen Aufstieg schaffen. Und die, die es schon längst geschafft haben, sollten nicht scheel angesehen, sondern als Vorbild betrachtet werden. Hören wir weniger auf das, was uns Anne Will erzählt und orientieren uns stattdessen an dem wunderbaren Aufstieg, den sie selbst durch Bildung geschafft hat.