Aber Griechenland ist ein Irrtum. Was wir als Demokratie kennen, ist in Westminster erfunden worden. Hat mit den Alten Griechen nur sehr wenig zu tun. Unser Verständnis von Rechtsstaat verdanken wir den Römern. Unser Bildungssystem hat sich aus der Katholischen Kirche heraus entwickelt. Und während der kurzen kulturellen Blütezeit Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. ist erheblich mehr Kritik als Lob der gesellschaftlichen Umstände geäußert worden.
Du meinst also, unsere Vorstellungen von Griechenland sind ein Irrtum und das wahre Griechenland sieht – respektive sah – ganz anders aus.

Genau. Unsere Vorstellungen gehen ja auf Lord Byron zurück – einen wahrhaften Romantiker. Der sich aus den Ruinen des Altertums eine Traumwelt geschaffen hat, die mit den griechischen Bauern seiner Zeit nicht das Geringste zu tun hatte. Griechenland hat eigentlich noch im Mittelalter gelebt bis 1974.
Und dann klopfte schon bald die Europäische Gemeinschaft an die Tür. War das ein Fehler?

Das wäre jetzt müßig, darüber noch zu debattieren. Wenn überhaupt, lohnt sich ein Blick zurück auf den Beitritt Griechenlands zum Euroraum im Jahre 2000. Da gab es ja durchaus kritische Stimmen in Deutschland. Nur die rot-grüne Regierung mochte überhaupt nicht darauf hören.
Wurde nicht damals auch schon vermutet, die Griechen hätten ihre Bilanzen frisiert?

Das stimmt. Aber das Ganze war offensichtlich eine politische Entscheidung. Und wenn sich Politiker gegen Wirtschafts-Fachleute durchsetzen, dann musst du mindestens mit einem Staatsbankrott rechnen.
Das klingt jetzt ein bisschen zynischer als es vielleicht vernünftig wäre. Haben nicht auch die Finanzspekulanten einen wesentlichen Einfluss auf die heutige Situation gehabt?

Einen Einfluss haben die schon gehabt. Aber erstens kannst du nicht auf den Untergang eines wirtschaftlich gesunden Unternehmens spekulieren – jedenfalls nicht mit Gewinn – und zweitens verdanken wir den Spekulanten doch immerhin, dass jetzt jeder darüber Bescheid weiß, wie gesund oder ungesund das Unternehmen Griechenland wirklich ist.
Und wie ungesund ist es nun? Sind die Griechen noch zu retten? Und wenn ja, warum müssen ausgerechnet wir das tun? Können wir sie nicht wenigstens aus dem Euroraum werfen und dann gänzlich auf den IWF als Retter setzen?

Man hätte Griechenland höchstens nahelegen können, den Euro freiwillig aufzugeben. Für einen Rauswurf gab es gar kein Procedere. Aber vorerst hat man sich gegen diese Variante entschieden. Könnte aber, wenn mal alle Stricke gerissen sind, immer noch in Frage kommen.
Und werden alle Stricke reißen? Die meisten Deutschen erwarten ja, dass die Kredite nicht zurückgezahlt werden. Ganz nach dem Motto 11 88 0: Elf Millionen Griechen kriegen 88 Milliarden und zahlen 0 zurück.

Ja, nein. Ich denke, die Griechen machen im Augenblick einen – wenn auch wirklich schmerzlichen – Lernprozess durch. Sie werden alles daransetzen, ihre Schulden zu bezahlen, auch wenn es länger dauern mag. Natürlich werden die Kommunisten immer fleißig dagegenhalten, aber eben doch nicht gewinnen. Und in einigen anderen gefährdeten Ländern – Portugal oder Spanien – sieht es ähnlich aus. Dort tut man jetzt schon alles, um sich eine Demütigung à la Griechenland zu ersparen.
Na, das klingt ja ganz schön positiv. Da könnten wir ja bald wieder aufatmen in Europa.

Nein, so leicht wird es nicht sein. Nachdem wir diesen Weg der Rettung eingeschlagen haben, wird der Euro von außen zunächst als schwach wahrgenommen werden. Was wir bräuchten, um da rauszukommen, wäre ein breites Wachstum – wenigstens im größeren Teil des Euroraums. Das ist aber leider eine ausgesprochen wackelige Partie. Die Amerikaner stehen da mal wieder besser da.
Das stimmt. Die kriegen schon Gelder zurück, die sie wegen der Finanzkrise in die Banken gesteckt haben. Und zwar mit Gewinn.

Ja, aber der größte Vorteil Amerikas ist, dass wirklich jeder – und auch jeder Immigrant – die USA mit Arbeit und Wachstum verbindet. Wer nach Amerika geht, will was tun für seinen eigenen privaten Fortschritt. Kann ihn dann auch machen – und das ganze Land profitiert davon. So klare Verhältnisse haben wir in Europa nicht.
Wir denken hier mehr an die Rente, das stimmt. Und das gilt nicht nur für die Griechen. Könnte man vielleicht sagen, Griechenland ist überall?

Du meinst, überall in Europa? In einer Hinsicht wohl ja: Wir Europäer sind eine alternde Gesellschaft. Viele haben gar keine Kinder, denken auch nicht an die fernere Zukunft, sondern tatsächlich nur an die eigene Rente. Von der sie dann annehmen, der Staat würde sie schon zahlen. Diese Art der Staatsgläubigkeit ist ganz sicher typisch europäisch.
Und ein bisschen fatal, wenn sich die Staaten – und auch die Bundesländer – gleichzeitig ständig weiter verschulden. Das Haushaltsdefizit Berlins liegt prozentual sogar leicht über dem griechischen. Und wenn wir keinen Bund-Länder-Finanzausgleich hätten, wäre es sogar dreimal so hoch.

Da sprichst du etwas an, was uns unbedingt Sorgen machen muss. Denn das Letzte, was wir auf der europäischen Ebene bräuchten, wäre ein Staaten-Finanzausgleich. Wenn die Baden-Württemberger nicht nur Berlin und Bremen, sondern auch Griechenland und Portugal dauerhaft alimentieren sollten, würden die sich bedanken.
Aber es scheint doch schon in diese Richtung zu laufen – oder nicht? Und wenn die Europäische Zentralbank griechische Anleihen aufkauft, nachdem sie politisch dazu genötigt worden ist, hat sie dann nicht ihre Unschuld auch schon verloren?

Ja, aber noch kann man nicht sagen, wohin die Reise des Euro langfristig gehen wird. Zunächst einmal sind das alles natürlich Signale für eine Schwächung des Euro gegenüber anderen Währungen. Das kann uns vorderhand beim Export in die Welt allerdings auch nützen. Was wir verkaufen wollen, können Amerikaner und Chinesen jetzt billiger einkaufen.
Okay. Und wie steht es um die gerade in Deutschland immer wieder gern und leidenschaftlich beschworene Inflationsgefahr? Nach Inflation sieht es doch nicht aus – oder?

Nein, da hast du recht. Es gibt mehr als genug Waren zu kaufen und viele Privathaushalte haben auch Geld auf der hohen Kante liegen. Nach einem Kaufrausch sieht es nicht aus – und dann droht eher die japanische Krankheit: Deflation. Was natürlich Gift für den erhofften Aufschwung wäre. Aber eine Geldentwertung innerhalb des Euroraumes ist wirklich nicht in Sicht.
Da können wir ja wenigstens beruhigt schlafen. Und was machen wir am nächsten Morgen?

Ärmel aufkrempeln, arbeiten, Geld ausgeben – und mal wieder nach Griechenland fahren. Wenn jemand am Boden liegt, sollten wir nicht noch drauftreten, sondern eher eine helfende Hand anbieten.
Ah, und was wir privat jetzt nach Griechenland tragen, kriegen wir als Gesellschaft später zurück – wenn die Kredite abgezahlt werden. Und zwar mit Zinsen.